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Geduldsprobe neun Wochen vor Enontekiö
Kreis Gießen - Grünberg
Geschrieben von: Astrid Knoess
am: Dienstag, 19. August 2008 um 10:44 - Gelesen: 7645 mal
Der Stau reicht bis zum Horizont. Eigentlich gar nicht so schlimm, wenn der Horizont vielleicht gerade mal zwei Kilometer entfernt ist. Wenn man aber einen Brummi fährt, heimwärts nach Enontekiö möchte und deshalb hinter dem Horizont noch schlappe 3000 Kilometer vor sich hat, geht die Fahrzeugansammlung offensichtlich an die Nerven. So sehr, dass der Fahrer einer Firma aus dem nordfinnischen 2000-Seelen-Kaff spontan die Ausfahrt Grünberg nimmt, um sich abseits der Autobahn durchzuschlagen. Ginge der Stau hinter dem sichtbaren Autobahnabschnitt nämlich weiter, würde der Sattelschlepper bis nach Hause beim jetzigen Tempo an die neun Wochen brauchen. Solche Gedanken scheinen nicht nur dem Mann aus Lappland durch den Kopf zu gehen. Der Stau vor der Baustelle bei Lumda bringt jedenfalls mitunter bizarre Verhaltensweisen hervor. Staus an dieser Stelle sind alltäglich, seit auf der Autobahn gebaut wird. Im Schneckentempo bewegt sich dann die Schlange der von der A 5 „geflüchteten“ Fahrzeuge durch Beltershain bis Grünberg und dort weiter die Bundesstraße 49 entlang in Richtung Alsfeld. Es kann schneller sein, von Beltershain aus über Lumda, Stangenrod und Lehnheim nach Grünberg zu fahren als die direkte Strecke zu nehmen. Vom Rand des Einschnitts kurz vor der Ausfahrt Grünberg lässt sich das Verhalten der Menschen im Stau beobachten. Gerade kommen ein Laster und ein Urlauberauto mit Rädern auf dem Dach angebraust. Der Lkw schafft es mit Vollbremsung gerade noch, nicht in das Stauende zu krachen. Der Benz-Fahrer hinter ihm ist auch nicht aufmerksamer und lässt nur deshalb nicht die Reifen quietschen, weil er ABS hat. Die Fahrräder auf dem Dach schwanken bedenklich. Gerade noch mal gut gegangen! Der Beifahrer im Benz greift zum Mobiltelefon. Ruft er jetzt die Spedition des Vordermanns an? Die lädt mit dem sauber aufgespritzten Slogan „Fahrstil OK?“ nämlich genau dazu ein. Mal zwei, drei Meter vorwärtsZwei Autos weiter hinten trommelt jemand ohne Unterlass mit den Fingerspitzen der rechten Hand aufs Lenkrad. Wieder und wieder, hektischer und hektischer. Gar nicht so einfach, wenn man zwischendurch auch noch schalten muss, weil es doch wieder mal zwei, drei Meter vorwärts geht. Jetzt sogar der zweite Gang! Geschafft! Doch nein – schon wieder Schluss. Mit Wucht kracht die Faust auf den Volant. Mit solcher Wucht, dass es übel zu schmerzen scheint. Als es zwei Minuten später tatsächlich zwei Leitpfosten weit vorwärts geht, muss der Beifahrer mit links schalten. Mit seinen Fingerspitzen hat der Fahrer des Busses, der jetzt kommt, kein Problem. Mit seinen Passagieren schon. Die tanzen sich im Gang, im Ausstieg in der Mitte des Gefährts und im Einstieg gleich neben dem Fahrersitz den Frust darüber aus dem Leib, dass man nicht weiterkommt. Der Chauffeur betrachtet sie mit einem Gesichtsausdruck, den man als „Nie wieder übernehme ich eine Wagenladung Halbstarke“ deuten könnte. Skat und SchachDer Fahrer des Transporters einer Baufirma ist voll konzentriert. Nein, nicht auf die Straße. Nicht nötig bei diesem Stau! Er konzentriert sich auf das Skatblatt, das sein Beifahrer ihm zeigt. Ihm, aber nicht den beiden Burschen auf der Rückbank der Doppelkabine. Ganz schön verrenken muss er sich dafür. Gar nicht so einfach, auf der Autobahn Skat zu dreschen. Dem distinguierten Herrn und seiner nicht minder distinguierten Begleiterin, die mit ihrer Limousine fünf Minuten später ins Blickfeld kommen, ist Skat offensichtlich zu proletenhaft. Ohne Bauern aber kommen auch sie bei ihrem Zeitvertreib auf dem magnetisierten Spielbrett nicht aus. Bauern sind bei ihnen allerdings dazu da, hin und wieder geopfert zu werden und selbst vielleicht den gegnerischen König am Wickel zu kriegen. Das Handy steckt vorschriftsmäßig in der Freisprechhalterung. Vielleicht sollte der Gesetzgeber aber auch das intensive Nachdenken während der Fahrt darüber, ob Springer von d4 auf f5 der richtige Zug ist, verbieten. Auch wenn die Fahrt nach ein paar Sekunden wieder zum Stillstand kommt. Nächster im Stau ist ein „Gelber Engel“. Auf der Beifahrertür des Wagens steht „ADAC – immer im Vorteil“. Die Schnauze des Gefährts straft diesen Slogan Lügen. Beulen, Knitterblech, verbogene Zierleisten. Nein, ist nicht hier im Stau passiert. Der gelbe Engel steht längst auf einem Abschleppwagen. Und wenn der jetzt auch wieder in einen Unfall verwickelt wird? Nimmt dann ein dritter beide Huckepack? Im schmalen Minibagger würde der nächste Brummifahrer am Stau vorbei auf dem Standstreifen schneller vorwärtskommen als mit seinem Tieflader. Vielleicht sogar so schnell, dass er den Sattelschlepper aus Enontekiö einholen würde. Der wird über kurz oder lang herausfinden, ob der Stau hinter dem Horizont weitergeht. Zwei Kilometer hat er in einem knappen Stündchen geschafft. Obwohl er zu Beginn geschlagene fünf Minuten unschlüssig an der Einmündung der Ausfahrt auf die Straße von Grünberg in die Rabenau gestanden hatte. Rechts oder links? Links oder rechts? Offenbar keine leichte Entscheidung, augenscheinlich ganz ohne Navi. Dann war er wieder auf die Autobahn zurück. Spätestens im Oktober wird er zuhause sein. Fern aller Staus. Paradiesisch einsam. 2000 Dorfbewohner, die sich auf 8400 Quadratkilometer Gemeindegebiet verteilen. Sagt jedenfalls das Internet. Wenn das keine Aussichten für einen stressgeplagten Kapitän der Autobahn sind…
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